Lieber Arnd,

falls du diesen Eintrag später liest: Auf dem Küchentisch liegt noch der Brief, den du beantworten wolltest. Daneben steht eine Tasse, und draußen wird es schon früh dunkel. Mutter hat heute zweimal nach Sonntag gefragt. Beim zweiten Mal warst du ungeduldig. Es tut dir leid, und du kannst morgen wieder mit ihr sprechen.

Elena war am Wochenende da. Sie saß mit ihrer Großmutter am Fenster und ließ sich eine Geschichte erzählen, die du schon kanntest. Danach halfen sie zusammen beim Abwasch. Aus der Küche hörte ich beide lachen, aber nicht, worüber. Ich bin nicht hineingegangen, um es zu erfahren.

Vielleicht liest Elena das eines Tages. Dann soll sie wissen, dass ich mich an diesen Nachmittag erinnere: an ihre Tasche im Flur, an das Geschirrtuch über Mutters Schulter und an die Zeit, die sie sich füreinander nahmen.

Du wirst vielleicht vergessen haben, was an diesem Tag so viel Zeit gebraucht hat. Es war kein besonderer Anlass. Eine Fahrt dauerte länger, ein Gespräch kam dazwischen, und du suchtest einen Schlüssel, der in der anderen Manteltasche steckte. Als du ihn fandest, warst du schon gereizt, obwohl niemand etwas dafür konnte. Falls dir das beim Lesen peinlich ist, lass den Satz stehen. Er gehört ebenfalls zu diesem Herbst.

Mutter hat am Telefon gefragt, ob Elena gut in Mainz angekommen sei. Sie hat sich die Antwort auf einen Zettel geschrieben. Ich hörte das Papier rascheln und wartete, bis sie den Stift wieder hingelegt hatte. Danach erzählte sie von einem Film, dessen Anfang sie verpasst hatte. Wir kamen nicht mehr darauf, wie er hieß. Sie wollte ihn trotzdem zu Ende sehen und beendete deshalb das Gespräch.

Vielleicht musst du später überlegen, wie ihre Stimme klang, wenn sie dabei schon zum Fernseher sah. Heute weißt du es noch. Sie wird dann ein wenig ungeduldig, aber nicht unfreundlich. Sie hat etwas vor. Es tut gut, das aufzuschreiben, nachdem du den ganzen Nachmittag geglaubt hast, für alles zuständig zu sein.

Und Elena: Ich weiß, dass du dein eigenes Leben hast, deine Bücher auf dem Tisch in Mainz und Menschen, von denen ich nur die Namen kenne. Ich freue mich, wenn du kommst. Du musst dabei keine besondere Aufgabe erfüllen. Am vergangenen Wochenende hast du beim Gehen deinen Schal gesucht, und deine Großmutter wusste sofort, wo er lag. Das hat ihr gefallen. Ich habe es an ihrem Gesicht gesehen.

Ich werde diesen Brief nicht zukleben. Er bleibt zwischen den anderen Notizen, vielleicht liest ihn jemand schon bald. Morgen muss ich eine Rechnung bezahlen und Mutter sagen, wann ich am Sonntag komme. Heute höre ich unten die Haustür. Im Treppenhaus sind Schritte, und ich erkenne Sabines Schlüssel, bevor sie ihn ins Schloss steckt.

Arnd