Am Dienstag war in der Linie 12 ein Platz frei. Nicht irgendeiner, sondern der am Fenster, auf dem man seine Tasche auf den Schoß nehmen und für ein paar Haltestellen einfach hinaussehen kann. Ich hatte den ganzen Tag gestanden und war dankbar für diese zehn Minuten.

Am Donnerstag saß ich auf einer Bank am Günthersburgpark. Eigentlich wollte ich nur kurz eine Nachricht beantworten. Dann blieb das Telefon in meiner Hand liegen. Ein Mann schob einen Kinderwagen über den Weg, ein kleiner Hund lief in die entgegengesetzte Richtung und kehrte erst nach mehrmaligem Rufen zurück. Ich kam fünf Minuten später nach Hause als geplant. Niemand hatte es bemerkt.

Der Sitzplatz kam genau an dem Tag, an dem mir im Büro ein Vorgang zum dritten Mal zurückgegeben worden war. Es fehlte eine Angabe, die ich selbst hätte bemerken können. Ich war ärgerlich auf mich und spielte das Gespräch noch einmal durch, während draußen die Haltestellen vorbeizogen. Irgendwann sah ich im Fenster mein Spiegelbild zwischen den Häusern. Ich musste über meinen verkniffenen Mund lachen. Die Akte würde am nächsten Morgen immer noch da sein. Für die restliche Fahrt durfte ich sie liegen lassen.

Auf der Bank lag neben mir eine Kastanie. Ich nahm sie kurz in die Hand, weil sie so glatt war, und legte sie wieder zurück. Meine Nachricht hatte nur aus einer Terminbestätigung bestanden. Ich hatte sie trotzdem dreimal umformuliert, als hinge viel von der richtigen Begrüßung ab. Nach ein paar Minuten draußen schickte ich den ersten Satz ab. Er war vollkommen ausreichend. Der Hund war inzwischen zu seinem Menschen zurückgekehrt und hatte einen Stock dabei, der für seine Größe etwas ehrgeizig ausfiel.

Bei Mutter war es der Kuchen mit dem Salz gewesen, der uns zum Lachen brachte. Sie wusste noch, welche Schüssel ich benutzt hatte und dass mein Vater behauptet hatte, der Geschmack sei interessant. Ich erinnerte mich vor allem an seinen Gesichtsausdruck. Wir ergänzten uns, bis die Geschichte länger wurde, als der Kuchen damals vermutlich gehalten hatte. Dann fiel Mutter ein, dass die Schüssel noch im oberen Küchenschrank stehe. Wir sahen nach. Sie stand tatsächlich dort, hinter einem Stapel Untertassen.

Ich schreibe diese Dinge auf, weil ich am Freitagabend sonst nur die unerledigten Aufgaben gezählt hätte. Im Kalender sind die freien Minuten kaum zu erkennen. Sie hinterlassen keine durchgestrichene Zeile. Aber als ich gestern nach Hause kam, erzählte ich Sabine zuerst von der Schüssel. Die Sache mit der Akte fiel mir erst später wieder ein.

Und gestern lachte Mutter. Ich hatte ihr von einem Kuchen erzählt, den ich als Kind für Salzgebäck gehalten hatte. Sie erinnerte sich an den Nachmittag und daran, wie mein Vater tapfer ein zweites Stück nahm. Sie lachte so plötzlich, dass sie die Hand auf den Tisch legen musste. Danach tranken wir unseren Tee aus. Ich glaube, ich werde die Geschichte noch einmal erzählen.

ArndFrankfurt am Main