Um halb zehn klingelt das Telefon auf meinem Schreibtisch. Es geht um eine Akte, die ich am Vortag bearbeitet habe. Während ich die Nummer suche, denke ich daran, dass Mutter gesagt hatte, sie wolle heute zum Markt gehen. Hat sie genug getrunken? Die Frage passt nicht in das Gespräch, und ich schiebe sie für einen Moment beiseite.

Im Büro der Stadtverwaltung hat jeder Vorgang seinen eigenen Takt. Manche Dinge müssen heute erledigt werden, andere warten auf eine Unterschrift. Ich mag diese Ordnung, doch an solchen Tagen merke ich, wie oft ich gedanklich den Raum verlasse. Meine Kollegin fragt, ob ich mit zum Mittagessen komme. Ich sage zunächst nein und gehe dann doch mit.

Später rufe ich Mutter an. Sie ist zu Hause und hat eine Birne gekauft, die noch nachreifen muss. Außerdem hat sie eine Nachbarin getroffen. Ich frage nach dem Wasser, vielleicht etwas zu direkt. „Ja, Arnd“, sagt sie. Ich kann ihren Blick beinahe sehen.

Pflege und Beruf vereinbaren klingt auf dem Papier nach zwei Spalten, die man nebeneinanderstellen kann. In Wirklichkeit klingelt das Telefon manchmal mitten in der dritten. Ich habe begonnen, Termine mit meiner Schwester abzustimmen und im Büro frühzeitig Bescheid zu sagen, wenn ich einen Arztbesuch begleite. Die Informationen zu Pflege und Beruf habe ich mir für Fragen zu möglichen Regelungen vorgemerkt.

Meine Kollegin merkt, dass ich den letzten Satz noch einmal lese. Sie fragt nicht nach Einzelheiten, sondern ob ich zehn Minuten brauche. Ich nicke und gehe ans Ende des Flurs. Dort steht ein Fenster einen Spalt offen. Unten wird ein Fahrrad angeschlossen, der Schlüssel klirrt gegen den Rahmen. Ich rufe Claudia an und erreiche nur ihre Mailbox. Statt es sofort wieder zu versuchen, hinterlasse ich eine kurze Nachricht und gehe zurück an meinen Platz.

Früher hätte ich versucht, meine Unruhe so gut wie möglich zu verstecken. Ich hielt es für professionell, wenn niemand etwas merkte. Das führte dazu, dass ich stumm vor einer Akte saß und mich über die eigene Langsamkeit ärgerte. Inzwischen kann ich wenigstens sagen, wenn ein privater Termin meine Arbeitszeit berührt. Wie viel ich darüber erzähle, entscheide ich selbst. Meist genügt ein klarer Satz.

Beim Mittagessen reden wir über eine Baustelle. Jemand hat deshalb zwanzig Minuten länger gebraucht, ein anderer kennt einen Umweg. Ich merke, wie angenehm es ist, für eine Weile an einem ganz gewöhnlichen Gespräch teilzunehmen. Ich muss weder eine Lösung finden noch berichten, wie es Mutter geht. Nach dem Essen weiß ich wieder, an welcher Stelle ich mit der Akte aufgehört hatte.

Am Nachmittag meldet sich Claudia. Sie hat mit Mutter telefoniert. Die beiden haben über einen Mantel gesprochen, den Mutter ändern lassen möchte. Ich hatte bei meinem Anruf gar nichts davon erfahren, weil ich so schnell bei meiner Frage nach dem Trinken war. Wir vereinbaren, dass Claudia morgen anruft. Ich schreibe es in meinen privaten Kalender und schließe ihn wieder.

Vor dem Heimgehen räume ich die Unterlagen auf. Nicht alles ist geschafft. Einen Vorgang muss ich morgen zuerst ansehen, einen anderen kann ich weitergeben. Ich lasse meiner Kollegin eine kurze Notiz da. Draußen ist die Luft kühl, und auf dem Weg zur Haltestelle rufe ich Sabine an. Sie möchte wissen, ob ich Hunger habe. Erst da bemerke ich, dass ich seit dem Mittagessen nichts mehr gegessen habe.

Am Nachmittag arbeite ich eine Akte zu Ende. Bevor ich gehe, lege ich den Stift auf den Tisch und schreibe mir den ersten Schritt für morgen auf. Dann fahre ich nach Hause. Die Birne muss noch einen Tag warten, erzählt Mutter später am Telefon.

ArndFrankfurt am Main