Am Sonntagabend liegt der Küchentisch voller Papier. Die Stromrechnung ist dabei, ein Umschlag für die Versicherung und ein Zettel, auf dem ich nur „Dienstag, 14 Uhr“ notiert habe. Ich weiß nicht mehr, welcher Dienstag gemeint war. Sabine schiebt die Sachen zur Seite, damit wir essen können. Hinterher lege ich sie wieder hin, diesmal in einem ordentlichen Stapel.

In letzter Zeit fahre ich oft von meinem Büro zu meiner Mutter nach Sachsenhausen und später zurück nach Bornheim. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Tag vor allem aus Wegen besteht. In der Bahn denke ich an eine Akte, beim Abendessen fällt mir ein, dass ich Mutter noch nach dem Termin fragen wollte. Dazwischen passiert auch anderes. Ich bemerke es, aber ich vergesse es schnell.

Heute zum Beispiel erzählte mir Mutter am Telefon, dass die Nachbarin ihr ein Stück Kuchen gebracht hat. Sie sagte es in einem Ton, als sei der Kuchen eine diplomatische Angelegenheit. „Ich werde mich natürlich revanchieren müssen.“ Ich musste lachen. Es war ein kleines Gespräch, und es war gut.

Ich arbeite in der Stadtverwaltung. Dort hat vieles seinen Platz: Vorgänge bekommen Nummern, Fristen stehen im Kalender, Unterlagen wandern von einem Fach ins andere. Ich mag daran, dass eine Sache irgendwann erledigt sein kann. Zu Hause ist das seltener so eindeutig. Eine Einkaufsliste ist abgearbeitet und am nächsten Tag fehlt wieder etwas. Eine Sorge lässt sich nicht abheften.

Meine Mutter lebt allein in der Wohnung, in der ich sie seit Jahrzehnten besuche. Noch kommt sie mit vielem selbst zurecht. Bei manchen Dingen braucht sie inzwischen Unterstützung, und wir beide müssen erst herausfinden, wie die aussehen kann. Ich bin dabei nicht immer so geduldig, wie ich gerne wäre. Manchmal rede ich zu schnell oder entscheide schon, bevor ich sie gefragt habe.

Das schwarze Notizbuch habe ich seit dem Sommer in meiner Tasche. Bisher stehen darin vor allem Telefonnummern und eine sehr ungenaue Zeichnung einer Straßenbahn. Ich möchte ihm mehr anvertrauen. Nicht, weil jeder Tag eine Geschichte ergeben muss. Vielleicht reicht es, einen Satz festzuhalten, bevor er zwischen den Rechnungen verschwindet.

In der Schublade liegen noch ältere Hefte. Eines stammt aus der Zeit, als Elena klein war. Darin habe ich ihre Wörter aufgeschrieben, weil ich überzeugt war, sie niemals zu vergessen. Heute erkenne ich meine Handschrift und wundere mich über die Sätze. Ohne das Heft wüsste ich nicht mehr, dass sie den Mond einmal für eine Laterne hielt, die jemand vergessen hatte auszuschalten. Von anderen Jahren ist nur ein Kalender geblieben, dicht beschrieben mit Terminen. Ich kann erkennen, wo ich sein musste, aber kaum noch, wie es dort war.

Das möchte ich diesmal genauer versuchen. Wenn ich von Mutter schreibe, soll sie darin auch mit ihrem Eigensinn vorkommen, mit ihren Einfällen und ihrem Urteil über zu dünnen Tee. Es wäre leicht, jeden Besuch nur danach zu betrachten, was schwierig geworden ist. Dann würde ich übersehen, wie genau sie noch hört, wenn ein Geiger im Radio eine Stelle anders spielt, als sie sie kennt. Oder wie sie mich beim Kartenspiel durchschaut, obwohl ich längst erwachsen bin und mich für recht undurchschaubar halte.

Ich habe sie gefragt, ob es sie stört, wenn ich unsere Nachmittage aufschreibe. Sie wollte zuerst wissen, wer das liest. Ich sagte, ich wisse es noch nicht. Daraufhin rückte sie ihre Brille zurecht und meinte, ich solle wenigstens darauf achten, dass sie nicht dauernd nur Tee trinke. Wir gingen in die Küche, und sie zeigte mir, was sie für das Abendessen vorbereitet hatte. Ihre Bemerkung habe ich mir gemerkt.

Vielleicht gehört zum Schreiben auch, dass ich meine erste Version eines Tages noch einmal ansehe und merke, wie unvollständig sie war. Im Büro kann ein nachgereichtes Dokument den ganzen Vorgang verändern. Hier genügt manchmal ein Nebensatz. Sabine erinnert sich an ein Gespräch anders als ich, Claudia kennt einen Teil von Mutters Geschichte, den ich nie gehört habe. Ich werde nachfragen müssen.

Für dieses Heft nehme ich mir deshalb keine feste Zahl von Seiten vor. Ich werde auch nicht jeden Abend etwas finden. An manchen Tagen möchte ich einfach nur die Schuhe ausziehen. Aber heute ist noch ein wenig Zeit, und der Tisch ist frei genug. Neben der Lampe liegt der Füller, den Mutter mir zum ersten Arbeitstag geschenkt hat. Die Kappe hat einen kleinen Riss. Er schreibt trotzdem.

Sabine hat den Stapel inzwischen auf die Fensterbank gelegt. Ich lasse ihn dort und schreibe das Datum auf die erste freie Seite.

ArndFrankfurt am Main