Eine Stadt besteht aus Straßen, Haltestellen und Häusern. Das merkt man vor allem dann, wenn man unterwegs ist. Schwieriger zu zählen sind die Räume, in denen man sich aufhalten kann, ohne etwas bestellen, kaufen oder erledigen zu müssen. Sie fallen im Stadtplan kaum auf. Und doch verändern sie, wie sich ein Viertel anfühlt.

Bei einer öffentlichen Bibliothek denke ich zuerst an Bücher. Das ist nicht falsch, nur unvollständig. Eine Stadtteilbibliothek ist auch ein Raum, in dem unterschiedliche Dinge nebeneinander Platz haben: Lesen und Spielen, eine Frage am Computer, ein Gespräch über Sprache, eine Stunde am Tisch. Man muss daraus nicht gleich eine große These über Gemeinschaft machen. Die Möglichkeit, dass Menschen denselben Raum aus verschiedenen Gründen nutzen, ist zunächst schon etwas.

Die Frankfurter Stadtbücherei zählt 18 Bibliotheken in den Stadtteilen und eine Fahrbibliothek. Ihre veröffentlichten Zahlen für 2024 zeigen die Größenordnung des ganzen städtischen Systems:

Die Stadtbücherei Frankfurt im Jahr 2024

KennzahlZahlWas gezählt wird
Besuche1,42 MillionenBesuche im gesamten System
Ausleihen2,86 MillionenPhysische und digitale Ausleihen
Aktive Leser*innen52.720Aktive Ausweise laut Stadt

Die Besuchszahl ist keine Zahl verschiedener Personen. Jemand kann im selben Jahr oft kommen; eine andere Person vielleicht nur einmal. Auch verrät sie nicht, warum Menschen da waren oder ob sie miteinander gesprochen haben. Zahlen machen eine Einrichtung sichtbar. Sie können aber nicht für die Menschen in ihr sprechen.

In Bornheim ist das Angebot mehr als eine Reihe von Regalen. Die Stadt nennt dort Romane, Sachbücher, Hörbücher, Musik, Filme und Zeitungen. Spiele können in der Bibliothek genutzt werden. Es gibt Lesungen, einen Literaturkreis mit Buchtipps und Gesprächen, gemeinsames Lesen und einen moderierten Gesprächskreis zum Deutschsprechen. Dazu kommen WLAN, ein Internet-Terminal und ein Computer mit Schreib- und Tabellenprogrammen. Ausleihbare Medien aus dem gesamten System können in die örtliche Zweigstelle geliefert werden. Das Angebot der Stadtteilbibliothek Bornheim liegt in der Arnsburger Straße, zwischen Berger Straße und Höhenstraße.

Das sind viele verschiedene Türen, auch wenn sie in denselben Raum führen. Eine Person sucht einen Roman. Eine andere möchte ein Spiel ausprobieren. Jemand benötigt einen Computer, um etwas zu schreiben oder einen Antrag online auszufüllen. Wer Deutsch üben will, findet ein Gesprächsangebot. Diese Nutzungen müssen nicht alle gleichzeitig stattfinden, und sie machen die Bibliothek nicht automatisch zu einem Treffpunkt, an dem sich alle miteinander verständigen. Sie zeigen erst einmal, dass eine Bibliothek mehr Aufgaben übernehmen kann, als ihr Name vermuten lässt.

In der Fachdebatte heißt eine solche Einrichtung oft „Dritter Ort“: neben Zuhause und Arbeit ein weiterer Platz im Alltag. Der Begriff ist einleuchtend, aber vielleicht ein wenig zu glatt. Ein Ort wird nicht dadurch offen, dass man ihn so nennt. Dafür sind auch praktische Dinge wichtig: Wann ist er geöffnet? Kommt man hinein? Findet man sich zurecht? Kann man die Angebote nutzen, wenn man keinen Bibliotheksausweis hat oder nicht gut mit einem Computer umgehen kann? Und fühlt man sich willkommen, wenn man keinen bestimmten Zweck verfolgt?

Viele Innenräume im Alltag sind an einen Kauf gebunden. Man setzt sich ins Café und bestellt etwas; man geht in ein Geschäft und soll sich bald entscheiden. Das ist völlig in Ordnung, denn auch solche Orte gehören zu einer Stadt. Nur braucht es daneben Plätze mit einer anderen Erwartung. In einer Bibliothek kann der Anlass ein Buch sein, eine Frage, ein Spiel oder ein Termin. Man muss daraus keine Kundenbeziehung machen, um den Raum zu nutzen. Ob diese Freiheit für alle gleich leicht erreichbar ist, bleibt eine andere Frage.

Auch beim Wort „kostenlos“ lohnt sich Genauigkeit. Die Bibliothek ist eine öffentliche Einrichtung, aber wer in Frankfurt Medien ausleihen möchte, zahlt als Erwachsene*r normalerweise 20 Euro im Jahr. Kinder und Jugendliche bis 18 sowie mehrere weitere Gruppen können kostenlos ausleihen. Für die öffentlichen Internet-PCs braucht man einen Bibliotheks- oder Internet-Ausweis; der reine Internet-Ausweis ist kostenfrei und berechtigt nicht zum Ausleihen. Laut Stadt gibt es außerdem WLAN für eigene Geräte. Das ist ein Unterschied zwischen offenem Raum und kostenlosem Zugang zu jeder einzelnen Leistung.

Ich finde diesen Unterschied nicht kleinlich. Er hilft, das Versprechen eines öffentlichen Ortes ernst zu nehmen. Wenn wir nur sagen, alle könnten kommen, übersehen wir vielleicht die Bedingungen, unter denen sie bleiben, lernen oder etwas ausleihen können. Und wenn wir nur über Gebühren sprechen, sehen wir womöglich nicht, wie viel ein kommunales Angebot bereithält. Beides gehört zusammen: das, was die Stadt möglich macht, und das, was Menschen für die Nutzung brauchen.

Vielleicht muss eine Bibliothek auch nicht jede Begegnung hervorbringen, um wichtig zu sein. Nicht jedes Gespräch wird ein Austausch, nicht jede gemeinsame Stunde schafft Verbundenheit. Manchmal lesen zwei Menschen einfach im selben Raum, ohne voneinander zu wissen. Einer sucht einen Film, eine andere einen Platz am Computer. Das ist kein Beweis für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es kann aber ein stiller Teil davon sein, dass die Stadt mehr anbietet als Wege zwischen Wohnung, Arbeit und Einkauf.

Ein öffentlicher Raum zeigt seinen Wert vielleicht nicht nur darin, was dort geschieht. Auch die Dinge, die dort nicht verlangt werden, zählen: nichts bestellen, nichts kaufen, nichts darstellen müssen. Eine Bibliothek bleibt dabei eine kommunale Einrichtung mit Öffnungszeiten, Regeln, Kosten und Personal. Gerade deshalb ist sie keine abstrakte Idee. Sie ist ein Angebot, über das eine Stadt entscheiden, das sie pflegen und an dem sie sich messen lassen kann.

Ob ein solcher Ort sich nach einem Platz für alle anfühlt, kann keine Statistik beantworten. Dafür müsste man die Menschen fragen, die ihn nutzen, und auch diejenigen, die nicht kommen. Aber schon die Frage gehört ins Gespräch darüber, wie wir in unseren Vierteln leben wollen. Zwischen den großen Straßen und den vielen Erledigungen sollte es Orte geben, deren erster Satz nicht lautet: Was darf es sein?

ArndFrankfurt am Main