In der Bahn beschlagen die Scheiben an den Ecken. Jemand hat mit dem Finger einen kleinen Kreis freigerieben und sieht hindurch. Ich stehe daneben, die Tasche zwischen den Schuhen, und versuche, die Einkaufsliste auf meinem Telefon zu lesen.

Auf dem Weg nach Sachsenhausen wechsle ich die Bahn. Die Haltestellen kenne ich inzwischen so gut, dass ich beim Lesen aufblicke, kurz bevor meine kommt. Trotzdem schaue ich gelegentlich auf die aktuellen Frankfurter Fahrpläne, besonders wenn am Wochenende gebaut wird.

Am Main wird der Himmel für einen Augenblick größer. Das Wasser liegt flach zwischen den Ufern; auf der Brücke steht jemand mit einem Fahrrad und sieht hinunter. Ich denke an den Schreibtisch, den ich verlassen habe, und an Mutters Wohnung, in der vielleicht schon das Wasser für den Tee kocht.

Heute habe ich einen Platz gegenüber der Tür gefunden. Auf dem Sitz neben mir liegt eine zusammengefaltete Zeitung, die jemand zurückgelassen hat. Bei jeder Kurve rutscht sie ein Stück weiter. Ich halte sie mit zwei Fingern fest und lege sie schließlich auf die Ablage. Eine Frau gegenüber lächelt kurz. Dann sehen wir beide wieder aus dem Fenster.

Die Stadt zieht nicht gleichmäßig vorbei. An manchen Stellen steht die Bahn, während draußen alles in Bewegung bleibt. Lieferwagen werden ausgeladen, jemand läuft noch schnell über die Ampel, eine Ladentür fällt zu. An anderen Stellen fahren wir an so vielen Fenstern vorbei, dass ich kaum ein einzelnes behalten kann. Ich bin diese Strecke schon oft gefahren und erkenne doch immer wieder etwas, das mir vorher entgangen ist.

Kurz vor dem Fluss stecke ich das Telefon weg. Mutter hat mir eine Nachricht geschickt, nur die Frage, ob ich Brot mitbringen könne. Ich habe bereits geantwortet. Mehr gibt es im Moment nicht zu organisieren. Im Wasser spiegelt sich ein heller Streifen Himmel, unterbrochen von der Bewegung eines Boots. Ich versuche, ihm mit den Augen zu folgen, bis die Brüstung es verdeckt.

Früher habe ich Fahrtzeiten vor allem als verlorene Zeit betrachtet. Ich nahm Unterlagen mit oder las wenigstens die Nachrichten. Inzwischen tut es mir manchmal gut, für einige Haltestellen keine Aufgabe zu haben. Ich bin unterwegs und kann weder die Bürotür noch Mutters Wohnungstür öffnen. Die Bahn bringt mich auch dann weiter, wenn ich nichts dazu beitrage.

Am Schweizer Platz muss ich daran denken, wie Mutter mich früher dort abgeholt hat. Sie stand oft ein Stück von der Haltestelle entfernt, damit sie mich früher sehen konnte. Heute gehe ich allein die Straße entlang und halte bei der Bäckerei. Ich weiß inzwischen, welches Brot sie meint, wenn sie nur „das von neulich“ schreibt.

Die Fahrt nimmt mir keine Entscheidung ab. Aber sie gibt mir Zeit, den Arbeitstag ein Stück hinter mir zu lassen. An der nächsten Haltestelle greife ich nach der Tasche und steige aus.

ArndFrankfurt am Main