Ich bin eigentlich wegen einer Apotheke in Sachsenhausen. Danach habe ich eine halbe Stunde bis zur Bahn und gehe zum Main hinunter. Auf der anderen Seite stehen die Häuser im blassen Nachmittagslicht. Ein Ruderboot zieht eine dünne Linie durchs Wasser.
Auf einer Bank sitzt eine Frau und liest. Neben ihr liegt ein Schal, sorgfältig zusammengefaltet. Ich gehe weiter, bis ich eine freie Bank finde. Die Apotheke hat mir die Medikamente in eine kleine Papiertüte gepackt. Ich stelle sie neben mich und sehe auf den Fluss.
Ein Spaziergang in Frankfurt führt selten ganz aus der Stadt heraus. Auch hier höre ich Verkehr, ein Fahrrad klingelt, von einer Brücke kommen Stimmen. Trotzdem ist das Wasser eine Art Pause. Es verlangt nicht, dass ich schneller werde.
Mutter hat mir vorhin erzählt, dass sie früher oft am Ufer entlangging. Ich frage mich, ob sie diese Strecke meint oder die andere Seite. Beim nächsten Besuch werde ich sie fragen. Vielleicht erinnert sie sich an ein Café, vielleicht an etwas ganz anderes.
Auf dem Weg zur Bank passiere ich einen Mann, der mit einem Fernglas aufs Wasser sieht. Ich denke zuerst an einen Vogel. Dann erkenne ich weiter draußen das Boot, dessen Besatzung in ungleichmäßigen Abständen die Ruder hebt. Er verfolgt es, bis es hinter einem Brückenpfeiler verschwindet. Als er das Glas sinken lässt, sieht er zufrieden aus. Vielleicht wartet er auf jemanden. Ich gehe weiter, ohne es zu erfahren.
Die Tüte aus der Apotheke ist so klein, dass ich sie beinahe in die Manteltasche stecken könnte. Trotzdem stelle ich sie lieber neben mich. Ich möchte sie nicht vergessen. In letzter Zeit überprüfe ich bei jedem Aufstehen, ob ich alles habe. Schlüssel, Tasche, Unterlagen. Heute kommt die Tüte dazu. Ich schiebe sie etwas näher an mein Bein und lege die Hand darauf.
Auf der anderen Seite des Flusses werden die Fenster in den hohen Häusern hell. Ich kenne die Namen einiger Gebäude und verwechsle andere noch immer, obwohl ich lange genug hier lebe. Von Bornheim aus sind sie oft nur am Ende einer Straße zu sehen. Hier stehen sie unmittelbar gegenüber, und ich kann den Blick langsam an ihnen entlangwandern lassen. Davor fährt ein Ausflugsschiff, dessen Durchsage ich nur als undeutliche Stimme höre.
Ich überlege, Sabine ein Foto zu schicken. Dann stecke ich das Telefon wieder ein. Wir werden uns am Abend sehen, und ich kann ihr erzählen, wie das Licht über den Dächern lag. Vielleicht finde ich dafür keine besonders genauen Worte. Sie wird trotzdem verstehen, warum ich etwas später komme. Für den Spaziergang musste ich keinen Termin verschieben; ich hatte nur aufgehört, den kürzesten Weg zu suchen.
Beim Aufstehen merke ich, dass die Bank kälter geworden ist. Ich klopfe eine kleine Falte aus meinem Mantel und nehme die Tüte. Der Mann mit dem Fernglas steht noch am Geländer. Er grüßt mich, als ich vorbeigehe. Vielleicht haben wir beide gerade lange genug auf dasselbe Stück Wasser gesehen.
Eine Weile zählt ein Kind neben der lesenden Frau die vorbeifahrenden Fahrräder. Es verliert den Faden und beginnt von vorn. Die Frau schlägt eine Seite um und hält mit der Hand den Schal fest. Ich sehe noch einmal zum Wasser. Das Ruderboot ist inzwischen wieder aufgetaucht, weiter flussabwärts und so klein, dass ich die einzelnen Menschen kaum noch erkennen kann.
Zur Haltestelle gehe ich die längere Straße entlang. Die Papiertüte raschelt bei jedem Schritt.
