Claudia ruft sonntagabends aus Marburg an. Meistens haben wir beide einen Zettel vor uns. Auf meinem stehen Termine, auf ihrem Fragen, die ich nicht bedacht habe. Diesmal sage ich gleich zu Beginn, dass ich müde bin.
Es ist nicht leicht, das auszusprechen. Ich wohne näher bei Mutter, und aus der Nähe wird schnell eine Zuständigkeit für alles. Claudia kann nicht nach der Arbeit vorbeikommen. Dafür telefoniert sie mit Stellen, bei denen ich tagsüber oft nicht durchkomme, und sie kennt sich mit manchen Unterlagen besser aus als ich.
„Sag mir, was ich übernehmen kann“, sagt sie. Ich will antworten, dass es schon geht. Stattdessen blättere ich in meinem Kalender. Wir teilen die nächsten Aufgaben auf. Claudia kümmert sich um ein Gespräch, ich begleite Mutter zum Termin. Den Einkauf besprechen wir mit ihr selbst; vielleicht möchte sie weiterhin manches allein erledigen.
Wir reden auch darüber, dass pflegende Angehörige Entlastung brauchen können, bevor gar nichts mehr geht. Ich habe die Beratung für pflegende Angehörige beim DRK Frankfurt gefunden und notiere sie mir als weitere Möglichkeit. Ein Anruf ist keine große Lösung für alles. Er kann ein Anfang sein.
Claudia hört einen Moment zu, ohne etwas zu sagen. Dann fragt sie, ob die Müdigkeit vom heutigen Tag komme oder schon länger da sei. Ich beginne mit einer Aufzählung und merke beim Sprechen, wie lang sie wird. Eigentlich sind es lauter kleine Dinge: ein Rückruf, ein Einkauf, eine Fahrt, bei der ich nicht wusste, wie lange sie dauern würde. Zusammen haben sie meine freien Abende aufgebraucht.
Meine Schwester kennt einen anderen Ausschnitt von Mutter. Am Telefon reden die beiden oft über alte Bekannte oder über ein Buch. Ich sehe eher, ob noch genug im Kühlschrank ist. Manchmal macht mich das ungerecht. Ich sage dann, sie wisse ja nicht, wie es hier wirklich sei. Heute halte ich mich zurück und höre, was sie beobachtet hat. Ihre Nähe sieht anders aus, aber sie ist vorhanden.
Wir gehen die kommende Woche durch. Bei einer Aufgabe sagt Claudia sofort zu, bei einer anderen braucht sie bis Dienstag Zeit. Ich merke, dass ich auch ihr gegenüber klare Wünsche äußern muss. Wenn ich nur erzähle, wie viel ansteht, kann sie schwer erkennen, was sie konkret übernehmen soll. Wir schreiben beide dieselben zwei Termine auf und lesen sie noch einmal vor.
Dann sprechen wir darüber, was Mutter selbst übernehmen möchte. Ich habe für sie bereits einen Einkauf eingeplant, den sie vielleicht lieber mit der Nachbarin macht. Claudia erinnert mich daran, sie zu fragen. Am nächsten Morgen rufe ich an. Mutter hat tatsächlich schon etwas verabredet und wundert sich, warum ich die Tasche tragen will, bevor wir überhaupt wissen, was hineinkommt.
Nach dem Gespräch erzähle ich Sabine davon. Sie schiebt mir eine Tasse hin und fragt, ob ich morgen Abend zu Hause bin. Ja, sage ich. Wir haben noch Suppe vom Samstag. Das ist fürs Erste ein guter Plan.
Am Montag fragt Claudia per Nachricht nach einem Dokument. Ich finde es, schicke es ihr und lege die Mappe zurück. Früher hätte ich anschließend selbst noch einmal angerufen, um sicherzugehen. Diesmal lasse ich es dabei. Eine Stunde später kommt ihre Antwort: erledigt. Ich muss den Vorgang nicht noch ein zweites Mal übernehmen.
Am Ende des Telefonats mit Claudia reden wir noch über ihren Garten. Sie hat einen Strauch zurückgeschnitten und ist unsicher, ob es zu viel war. Ich kann ihr dabei ebenso wenig zuverlässig helfen wie sie mir beim reparaturbedürftigen Küchenfenster. Wir reden trotzdem darüber. Als wir auflegen, ist es später als sonst. Auf meinem Zettel stehen weniger Aufgaben, aber auch etwas, das wir beim nächsten Mal einfach weitererzählen können.
