Die Telefonnummer steht auf der Rückseite eines Briefumschlags. Ich habe sie vor einigen Wochen aufgeschrieben und dann zwischen andere Papiere gelegt. Als ich sie wiederfinde, ist die Tinte an einer Stelle verwischt.

Auf dem Tisch liegen Formulare, ein Kalender und Mutters Liste mit Fragen für den nächsten Termin. Ich möchte alles richtig machen und weiß nicht, womit ich anfangen soll. Claudia sagt am Telefon, wir könnten uns beraten lassen. Ich antworte, dass es dafür vielleicht noch zu früh sei. Sie fragt, woran man das erkennt. Darauf habe ich keine Antwort.

Ich lese die Seite des Pflegestützpunkt Frankfurt. Dort finde ich eine Anlaufstelle für Fragen zur Pflegeberatung in Frankfurt. Ich schreibe mir auf, was ich wissen möchte: Welche Möglichkeiten gibt es? Was kann Mutter selbst entscheiden? Welche Unterlagen brauchen wir überhaupt?

Am nächsten Tag spreche ich mit ihr darüber. Sie ist zunächst zurückhaltend. „Ich wohne doch noch hier“, sagt sie. Das soll sie auch. Wir einigen uns darauf, erst einmal Fragen zu stellen und gemeinsam zu entscheiden, was danach geschieht.

Die meisten Unterlagen habe ich in eine Mappe gelegt, die früher für unsere Urlaubsbuchungen gedacht war. Auf dem Rücken klebt noch ein Rest des alten Etiketts. Wenn ich sie öffne, fallen zwei leere Klarsichthüllen heraus. Ich hatte erwartet, dass sich das Thema ordentlicher anfühlen würde, sobald alles zusammenliegt. Stattdessen sehe ich nun deutlicher, welche Fragen noch offen sind.

Claudia bittet mich, die Liste abzufotografieren. Kurz darauf ruft sie zurück. Sie hat zwei Punkte ergänzt und einen gestrichen, weil wir dazu schon eine Antwort haben. Allein hätte ich wahrscheinlich noch einen Abend im Internet verbracht, mit mehreren geöffneten Seiten und immer mehr Begriffen. Mit ihr am Telefon können wir die Fragen in eine Reihenfolge bringen. Sie sagt, wir müssten nicht schon wissen, welche Hilfe wir wollen, um nach Möglichkeiten zu fragen.

Das klingt selbstverständlich. Trotzdem habe ich gezögert. Ich fürchtete, dass schon die erste Anfrage etwas in Gang setzen würde, das Mutter nicht mehr überblicken kann. In meinem Beruf erkläre ich anderen Menschen oft, dass sie zunächst eine Auskunft einholen können. Für mich selbst musste mir das offenbar meine Schwester sagen. Ich notiere hinter dem ersten Punkt ein Fragezeichen, wo vorher schon eine halbe Entscheidung stand.

Mutter möchte bei dem Gespräch dabeisein. Wir überlegen, welcher Tag für uns beide passt. Sie schlägt den Vormittag vor, weil sie nachmittags ihre Ruhe haben möchte. Ich verschiebe etwas im Kalender. Dabei fällt mir auf, dass ich bisher meistens meine freien Stunden zur Grundlage gemacht habe. Diesmal fragen wir zuerst, wann sie gut zuhören und ihre Fragen stellen kann.

Am nächsten Morgen sieht der Tisch schon weniger voll aus. Ich habe keine Antwort mehr als gestern, aber die Fragen liegen beieinander. Mutter ruft an, um noch etwas zu ergänzen. Ich nehme den Block und schreibe ihren Satz auf, diesmal gleich unter ihren Namen. Sie wartet, bis ich fertig bin.

Am Abend prüfe ich, ob der Stift neben dem Telefon schreibt. Es ist eine etwas lächerliche Vorbereitung, aber sie beruhigt mich. Ich lege einen frischen Block dazu und stecke die Mappe aufrecht ins Regal. Der Umschlag darf daneben liegen bleiben. Seine Rückseite ist fast voll, und unter Mutters Frage nach den Pflanzen ist noch Platz für eine Antwort.

Der Umschlag liegt jetzt nicht mehr unter dem Stapel. Ich habe ihn neben das Telefon gelegt. Mutter hat darunter in ihrer Schrift einen weiteren Punkt ergänzt: „Wer gießt die Pflanzen, wenn ich verreise?“ Darüber müssen wir beide lachen. Die Frage bleibt auf der Liste.

ArndFrankfurt am Main