Mutter erzählt von einem Sommernachmittag im Jahr 1968. Sie war mit einer Freundin am Main, beide hatten ihre Schuhe ausgezogen und saßen auf der niedrigen Mauer. Die Freundin trug ein blaues Kleid, sagt sie. Oder vielleicht war es grün. Jedenfalls habe der Wind die Servietten vom Tisch geweht.

Ich kenne die Geschichte. Vor zwei Wochen hat sie sie Elena erzählt, und davor mir, an einem Nachmittag, an dem der Tee zu lange gezogen hatte. Ich will schon sagen: „Das hast du mir erzählt.“ Dann sehe ich, wie sie die Tasse mit beiden Händen hält und nach dem Namen des Cafés sucht.

„War es am südlichen Ufer?“, frage ich. Sie denkt nach. „Nein, ich glaube, wir waren noch auf der anderen Seite.“ Sie beschreibt den Weg zur Straßenbahn. Davon hatte sie vorher nichts gesagt. Vielleicht habe ich auch nicht richtig zugehört.

In den letzten Monaten entgleiten ihr manchmal Termine oder Namen. Sie überspielt es geschickt, und ich bin oft unsicher, ob ich nachfragen soll. Allgemeine Informationen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zu Vergesslichkeit und Demenz haben mir geholfen, Fragen für den nächsten Arzttermin zu sammeln. Sie ersetzen nicht das Gespräch mit Mutter oder eine ärztliche Einschätzung.

Die Geschichte geht weiter. Die Freundin fing eine Serviette, die andere landete im Wasser. Mutter lacht über sich selbst, weil sie damals hinterherlaufen wollte. „Als ob ich hätte schwimmen können wie ein Fisch.“ Ich frage sie nach der Freundin. Sie erzählt von deren Wohnung und von einem Sommerkleid, das vielleicht doch blau war.

Elena hört anders zu als ich. Sie fragt nach der Musik, die damals im Radio lief, nach den Kleidern und danach, ob ihre Großmutter schon allein wohnte. Bei mir springt der Gedanke schneller zur nächsten Frage, die ich ohnehin stellen wollte. Ich will wissen, ob der Brief angekommen ist oder wann sie zuletzt beim Arzt war. Das sind nötige Fragen, aber sie nehmen schnell den ganzen Tisch ein.

An jenem Nachmittag legt Elena ihr Telefon mit dem Display nach unten auf die Fensterbank. Sie zieht ein Bein unter sich und fragt, wie die Freundin hieß. Mutter nennt den Namen sofort. Dann sucht sie nach dem Familiennamen und ärgert sich, dass er ihr nicht einfällt. Elena wartet. Ich räume in der Küche die Tassen zusammen und höre, wie sie über eine Tanzveranstaltung sprechen. Die Tassen bleiben noch eine Weile auf dem Tablett stehen.

Später frage ich mich, warum ich die Wiederholung überhaupt so schnell bemerkte. Vielleicht möchte ich unbewusst festhalten, was sich verändert. Vielleicht habe ich Angst und suche deshalb in jedem Gespräch nach einem Zeichen. Das macht mich aufmerksam, aber nicht immer zu einem guten Zuhörer. Mutter spürt sehr genau, wenn ich sie prüfe. Dann werden ihre Antworten kürzer, und ich beginne noch mehr zu fragen.

Heute lasse ich die Geschichte bis zum Ende gehen. Als sie an einer Stelle stockt, gieße ich Tee nach. Sie nimmt den Faden selbst wieder auf. Die Freundin hatte ihre Sandalen in einer Papiertüte getragen, weil ein Riemen gerissen war. An dieses Detail erinnere ich mich nicht. Es gefällt mir, wie die beiden jungen Frauen dadurch vor mir auf der Mauer sitzen, eine von ihnen barfuß, die andere mit ihren Schuhen in der Hand.

Ich möchte mir auch die schwierigen Augenblicke nicht schönreden. Es gibt Tage, an denen mir die Geduld fehlt. Dann höre ich meinen eigenen Tonfall und erkenne ihn kaum. Heute gelingt es besser. Mutter fragt mich schließlich, ob ich noch eine Tasse möchte. Ich schaue kurz auf die Uhr und sage ja.

Als ich gehe, steht meine Tasse noch auf dem Tisch. Mutter will sie gleich abwaschen. Ich trockne sie ab, und sie stellt sie in den Schrank. Über die Farbe des Kleides sind wir uns nicht einig.

ArndFrankfurt am Main