Am Sonntag ist die Berger Straße für eine kleine Weile eine andere Straße. Die Stühle stehen noch auf den Tischen, vor der Bäckerei wartet nur ein Mann mit einem Hund. Ich gehe ohne Tasche los. Das fällt mir erst auf, als ich an der Ecke nach ihr greifen will.

Sabine ist schon wach, aber noch im Bett geblieben. Auf dem Balkon hat sie gestern die Kräuter hereingeholt, weil es nachts kühl werden sollte. Die Töpfe stehen jetzt auf der Fensterbank; der Rosmarin streift den Vorhang, wenn das Fenster offen ist.

Ich kaufe Brötchen und einen Kaffee und setze mich auf eine Bank. Gegenüber wird ein Rollladen hochgezogen. Jemand stellt eine Kiste vor die Tür und verschwindet wieder. Eine Straßenbahn fährt vorbei, beinahe leer. Ich sehe ihr nach, obwohl ich ihre Strecke gut kenne.

Unter der Woche ist Bornheim oft nur der Ort, an dem ich morgens losfahre und abends wieder ankomme. Heute gehe ich langsam zurück. In einer Einfahrt liegen die ersten gelben Blätter. Ein Kind versucht, auf der Bordsteinkante zu balancieren, während sein Vater ein Fahrrad aufschließt. Der Hund vor der Bäckerei ist inzwischen eingeschlafen.

Auf dem Hinweg habe ich einen kleinen Umweg durch die Seitenstraßen gemacht. In einem Fenster steht ein Modellschiff, dessen Segel schon etwas gelb geworden sind. Ich komme seit Jahren daran vorbei und weiß nicht, wer dort wohnt. Heute ist das Fenster offen. Aus der Wohnung hört man Geschirr, und für einen Augenblick sehe ich eine Hand, die einen Blumentopf dreht. Mehr erfahre ich nicht. Ich mag diese Bekanntschaften mit Dingen, deren Menschen ich nicht kenne.

Vor einer Haustür fegt jemand den Bürgersteig. Die Blätter weichen dem Besen aus, als hätten sie sich abgesprochen. Wir nicken einander zu. Ich denke daran, wie oft ich diese Strecke unter der Woche mit gesenktem Kopf laufe, den nächsten Anschluss im Blick. Die Straße wird dadurch nicht kleiner, aber mein Ausschnitt von ihr schon. Am Sonntag reicht er gelegentlich bis zum anderen Ende des Hauses.

Mein Vater konnte lange an Schaufenstern stehen bleiben, auch wenn die Geschäfte geschlossen waren. Als Kind fand ich das unverständlich. Es gab ja nichts zu kaufen. Heute bleibe ich vor einer Auslage mit gebrauchten Büchern stehen und lese die Rücken, obwohl die Tür erst morgen wieder aufgeht. Ein schmaler Band liegt verkehrt herum. Ich neige den Kopf und erkenne den Titel immer noch nicht. Hinter mir rollt ein Fahrrad über das Pflaster.

Als ich weitergehe, sind mehr Menschen unterwegs. Die Bäckertüte ist warm geworden von den Brötchen. Ich überlege, ob ich Mutter anrufen soll, lasse das Telefon aber in der Tasche. Wir haben für den Nachmittag ein Gespräch verabredet. Es gibt keinen Anlass, den Morgen schon mit einer Kontrolle zu beginnen. Ich merke, wie ungewohnt mir dieser Gedanke manchmal geworden ist.

Vor unserer Haustür suche ich den Schlüssel mit der freien Hand. Oben höre ich das Radio. Sabine hat das Fenster geöffnet, und der Vorhang bewegt sich zwischen den Kräutertöpfen. Ich lege die Tüte auf den Tisch und erzähle ihr von dem Buch, dessen Titel ich nicht lesen konnte. Sie kennt den Laden und meint, wir könnten morgen zusammen hingehen.

Zu Hause sitzt Sabine am Tisch und liest. Sie nimmt ein Brötchen aus der Tüte, ohne aufzusehen, und sagt danke. Wir reden eine Weile über nichts, was für Montag wichtig wäre. Der Kaffee wird dabei kalt.

ArndFrankfurt am Main