Mutter schreibt ihren Einkaufszettel mit einem Füller, der auf dem Papier manchmal kratzt. Sie faltet das Blatt längs, bevor sie anfängt. Milch steht oben, darunter Darjeeling, dann eine Weile nichts. Ich sitze ihr gegenüber und weiß bereits, dass die Butter fast leer ist.
„Butter?“, frage ich. Sie hebt den Kopf. „Ich bin noch nicht fertig.“ Ich sage nichts mehr und sehe zu, wie sie das Wort in ihre schöne, leicht geneigte Schrift setzt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihr zuvorkomme, und auch nicht das erste Mal, dass sie mich darauf hinweist.
Samstags gehe ich meist bei ihr vorbei. Ihre Wohnung in Sachsenhausen riecht nach Tee und dem Bohnerwachs, das sie seit Jahren für den alten Schrank verwendet. Auf dem Radio läuft leise Musik. Vor dem Einkaufen trinken wir eine Tasse, und wenn ich es eilig habe, merke ich das daran, dass ich schon beim Einschenken nach der Tasche suche.
Mutter kennt ihren Laden und die Menschen dort. Sie möchte das Obst selbst aussuchen. Einmal hatte ich Äpfel mitgebracht, die mir besonders gut aussahen. Sie bedankte sich und erklärte dann, diese Sorte werde beim Backen zu weich. Seitdem frage ich nach. Heute stehen wir nebeneinander vor den Kisten, und sie nimmt jeden Apfel kurz in die Hand.
An der Kasse bemerkt sie, dass sie den Zettel zu Hause gelassen hat. Ich habe meinen eigenen in der Manteltasche. Für einen Moment weiß ich nicht, ob ich ihn herausholen soll. Dann fragt sie: „Hatten wir den Tee?“ Wir haben ihn. Ich nenne ihr die übrigen Dinge, ohne den Zettel zu zeigen. Sie zählt an den Fingern mit.
Auf dem Rückweg trägt sie das Brot, ich die schwere Tasche. Oben angekommen räumen wir alles ein. Die Butter kommt an ihren Platz, der Tee in die Dose. Mutter streicht den gefalteten Zettel auf dem Tisch glatt und hakt die Wörter ab. Es fehlt nichts.
Bevor wir losgegangen sind, hat sie mich noch einmal zum Kühlschrank geschickt. Nicht wegen der Butter, sondern wegen eines kleinen Glases Marmelade, das zu weit hinten stand. Sie wollte wissen, ob es noch gut sei. Ich las das Datum vor und stellte es auf den Tisch. „Dann frühstücken wir morgen ordentlich“, sagte sie, als wäre ich für den nächsten Morgen bereits eingeplant. Ich musste ihr sagen, dass Sabine und ich etwas vorhatten. Sie nickte und schraubte den Deckel wieder zu.
Solche kleinen Missverständnisse beschäftigen mich oft länger als die eigentlichen Erledigungen. Ich frage mich, ob ich zu selten komme oder ob ich nur zu oft auf die Uhr schaue, wenn ich da bin. Gleichzeitig kenne ich Mutter gut genug, um zu wissen, dass sie keineswegs jeden Sonntag einen Sohn am Frühstückstisch braucht. Manchmal möchte sie einfach den Satz sagen dürfen, bevor ich ihn mit meinem Kalender beantworte.
Im Laden begegnen wir einer Frau, die sie von früher kennt. Sie reden über einen Hauseingang, dessen Tür seit Wochen klemmt. Ich stehe daneben und halte die Tasche. Es ist ein ausführliches Gespräch, mit einer Geschichte über einen Schlüsseldienst und einem sehr bestimmten Urteil über die Hausverwaltung. Niemand fragt mich etwas. Das tut mir überraschend gut. Mutter ist hier eine Nachbarin unter Nachbarn, und ich bin für ein paar Minuten nur ihre Begleitung.
An der Käsetheke lässt sie sich eine dünne Scheibe zum Probieren geben. Ich hätte längst bestellt. Sie überlegt, fragt nach einem anderen Stück und entscheidet sich schließlich für das erste. Den kleinen Umweg nehme ich normalerweise kaum wahr, weil ich gedanklich schon beim Bezahlen bin. Heute warte ich. Die Verkäuferin kennt ihre Bestellung offenbar; sie packt die Scheiben so ein, dass Mutter sie zu Hause leicht auseinandernehmen kann.
Als wir wieder im Treppenhaus stehen, machen wir auf dem Absatz kurz halt. Durch das Fenster sieht man die Hofkastanie. Mutter streicht einen Zweig von ihrem Mantel und fragt, ob bei uns der Rosmarin noch draußen stehe. Ich erzähle ihr von Sabines Kräutertöpfen. Dann gehen wir die letzten Stufen. Sie nimmt ihren Schlüssel selbst aus der Tasche und braucht einen Augenblick, bis sie den richtigen gefunden hat. Ich halte die Einkäufe und warte, bis die Tür aufgeht.
Später finde ich meinen Zettel in der Tasche. Auf ihm steht auch Butter, zweimal unterstrichen. Ich werfe ihn zu Hause weg.
