Im Wartezimmer steht eine Pflanze, die sich zum Fenster neigt. Darunter liegen Zeitschriften, deren Ecken schon weich geworden sind. Mutter nimmt keine. Sie sitzt mit ihrer Handtasche auf dem Schoß und betrachtet das Aquarium an der Wand.

Wir sind zu früh. Ich habe den Weg großzügig berechnet, weil ich nicht wusste, wie voll die Bahn sein würde. Jetzt sehe ich auf die Uhr und rechne aus, was ich im Büro noch schaffen könnte. Mutter bemerkt es. „Der Fisch kommt auch nicht schneller, wenn du hinsiehst“, sagt sie. Ich lege das Telefon weg.

Ein Mann gegenüber blättert in einer Zeitung. Jedes Mal, wenn die Tür aufgeht, hebt er den Kopf. Auch ich sehe hin. Es wird eine andere Patientin aufgerufen. Die Tür fällt sanft ins Schloss, und das leise Summen des Aquariums ist wieder zu hören.

Mutter fragt, ob ich am Nachmittag noch arbeiten muss. Ich sage ja. Sie möchte wissen, ob der Termin wirklich nötig war. Wir haben darüber gesprochen, aber ich erkläre es noch einmal. Diesmal ohne den Kalender aus der Tasche zu holen. Sie nickt und streicht ihren Mantel glatt.

Vor dem Aquarium hängt eine Tafel mit den Namen der Fische. Mutter versucht, die Namen den Tieren zuzuordnen. Ein silberner Fisch verschwindet immer hinter derselben Wurzel. Sie meint, der müsse doch wissen, dass wir ihn trotzdem sehen. Ich beuge mich vor, um den kleineren am Boden zu erkennen. Dabei merke ich, dass ich seit unserer Ankunft zum ersten Mal etwas betrachte, ohne zugleich seine Dauer zu berechnen.

In meiner Tasche steckt eine Mappe mit Unterlagen. Ich habe sie gestern Abend sortiert, obwohl nicht sicher ist, ob jemand alles davon braucht. Mutter hat ihre eigene kleine Liste mitgebracht. Sie zieht sie hervor und liest die Fragen leise durch. Eine davon verstehe ich nicht gleich. Statt sie umzuschreiben, frage ich nach. Es geht um eine Tablette und den Zeitpunkt, an dem sie sie nimmt. Ich setze mich näher zu ihr, damit wir nicht durch den ganzen Raum sprechen müssen.

Als Kind saß ich oft mit ihr in solchen Zimmern. Sie hatte meistens ein Taschentuch in der Manteltasche und etwas zu lesen für mich. Ich weiß noch, dass ihre Hand auf meiner Stirn kühl war. Damals war die Wartezeit ihre Sache. Ich konnte mich beschweren und mich darauf verlassen, dass sie wusste, wann wir wieder gehen durften. Jetzt habe ich die Fahrkarten und die Unterlagen. Trotzdem bleibt sie meine Mutter, auch wenn wir anders nebeneinandersitzen.

Die Ärztin stellt eine Frage, und ich beginne fast gleichzeitig mit Mutter zu antworten. Ich halte inne. Sie erzählt erst einmal selbst, wie die letzten Wochen waren. Ihre Darstellung ist an manchen Stellen anders als meine. Ich habe vor allem die schwierigen Momente behalten; sie berichtet von einem Besuch und davon, dass sie wieder häufiger spazieren war. Beides gehört dazu. Als ich später etwas ergänze, schaut die Ärztin weiter zu uns beiden.

Auf der Straße ist es lauter, als ich es nach der Stunde drinnen erwartet habe. Mutter bleibt vor der Bäckerei stehen. Wir hatten keinen Einkauf geplant, aber das Brot im Fenster gefällt ihr. Ich schiebe die Mappe tiefer in die Tasche und halte ihr die Tür auf.

Als wir schließlich drankommen, spricht sie zunächst selbst mit der Ärztin. Ich ergänze nur, was sie mich zu ergänzen bittet. Auf dem Heimweg kaufen wir ein kleines Brot. Es ist noch warm, und Mutter trägt es in der Papiertüte vor sich her. Im Büro komme ich später an, als ich gehofft hatte. Die Akte liegt noch auf meinem Tisch.

ArndFrankfurt am Main